Ist Symptomfreiheit gleich Heilung?
Wenn wir von Heilung sprechen, denken wir häufig zuerst an Symptomfreiheit. Beschwerden verschwinden, der Körper funktioniert wieder wie zuvor und das Leben kann weitergehen. Mittlerweile greift dieses Verständnis für mich viel zu kurz.
Heilung ist weit mehr als Symptome heilen. Aber Symptome heilen ist ein Teil, oder ein Resultat, von Heilung. Und zugegeben, wir wollen beides. Wir wollen ALLES! Heilung und keine Symptome mehr, richtig?
Ich möchte in diesem Artikel Heilung vs. Symptomfreiheit etwas näher beleuchten und spreche viel vom ‚Ganzwerden‘ – und darüber, wie meine Symptome für mich zu Wegweisern auf meinem Heilungsweg geworden sind.
Was bedeutet Heilung eigentlich?
Medizinische, Psychologische und Spirituelle Perspektive auf Heilung
In einem Satz könnte man Heilung so beschreiben: Heilung ist die Wiederherstellung des körperlichen, psychischen oder emotionalen Wohlbefindens nach einer Krankheit oder Verletzung.
Aus medizinischer Sicht geht es vor allem um die Genesung von einer Erkrankung oder Verletzung. Bei chronischen Erkrankungen geht es auch um Stabilisierung, Funktionsverbesserung und Rehabilitation.
Aus der psychologischen Sicht, liegt der Fokus auf der Verarbeitung von seelischen Verletzungen, Verlusten oder schwierigen Lebensphasen.
Und aus der geistigen oder spirituellen Sicht geht es bei Heilung vermehrt um Harmonisierung von Körper, Geist und Seele (Ganzheitlichkeit) und das Wiederherstellen des inneren Friedens oder der Verbindung zum Leben.
Mir gefällt die geistige und spirituelle Perspektive auf Heilung besonders gut und ich sie hat mir auf meinem Heilungsweg sehr geholfen.
Ganzwerden – Die ursprüngliche Bedeutung von Heilung
Ich möchte direkt etwas tiefer in diese ‚Ganzheitlichkeit‘ aus dem geistigen Verständnis von Heilung eintauchen.
Das englische Substantiv für Heilung lautet ‘healing’. Heal und whole sind etymologisch miteinander verwandt: heal geht auf altenglisch hǣlan zurück, mit der Bedeutung ‘heilen, gesund machen, ganz machen’. Whole geht auf altenglisch hāl zurück, das unter anderem ‘ganz, unversehrt, gesund’ bedeutete. Beide Wörter führen auf dieselbe indogermanische Wurzel zurück, deren Bedeutung ungefähr ‘ganz, unversehrt’ war.
Auch das englische Wort ‘health’ – Gesundheit – gehört zu dieser Wortfamilie. Es bedeutete im Altenglischen ursprünglich sinngemäss ‘Ganzheit, das Ganz- bzw. Gesundsein’.
In der ursprünglichen Bedeutung von heal steckt damit die Vorstellung des ‘Ganzwerdens’ oder ‘Ganzmachens’. Heilung lässt sich aus dieser Perspektive also auch als ein Prozess des Ganzwerdens verstehen.
Heilung als Ganzwerden – was bedeutet das für mich?
Spürst du vielleicht auch, dass es um mehr geht, als die Symptome los zu sein?
Für mich sind meine Symptome mit der Zeit zu mehr geworden als etwas, das einfach nur verschwinden soll. Ich habe für mich erfahren, dass mein Körper mir über Symptome auch etwas mitteilen kann.
In meiner Heilungsgeschichte habe ich erlebt, dass wir physiologisch und vor allem auch emotional hochkomplexe Wesen sind. Wir haben eine tiefe Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Verbundenheit, nach Ankommen, nach Ganzheit. Bewusst oder unbewusst, sind wir dauernd auf der Suche.
Es ist normal, dass wir uns im Leben verlaufen. Dass wir Illusionen hinterherjagen und nicht mehr wissen, was wir eigentlich wollen. Dass wir anderen mehr gefallen wollen als uns selbst. Niemand trägt Schuld. Wir haben nichts falsch gemacht. Doch wir dürfen erkennen, bewusst werden, uns auf Neues einlassen und das Steuer wieder übernehmen.
Was verstehst du unter ‘Ganzwerden’? Ich kann es dir nicht beantworten. Was Ganzwerden im eigenen Leben bedeutet, kann ich niemandem vorgeben. Jeder darf darauf seine eigenen Antworten finden.
Das ist einer meiner Coaching-Ansätze: Ich beantworte dir nicht deine Fragen. Sondern du findest in meiner Begleitung deine wichtigsten Fragen, die dich gerade am meisten weiterbringen.
Für mich hat der Weg Richtung Ganzwerden sehr viel mit Heilung zu tun. Und ich habe erlebt, dass sich auf diesem Weg auch mein Umgang mit meinen chronischen Symptomen und meiner Erschöpfung verändert hat – und dass es mir dadurch endlich besser ging.
Was hat mein Fokus mit meiner Heilung zu tun?
Im Leiden ist oft der gesamte Fokus und damit die gesamte Energie auf dem Schmerz gebündelt und es wird immer enger und dunkler. Ich bin aber nicht nur mein Körper und vor allem, bin ich nicht meine Symptome (!). Im grössten Leiden hat mir die Reise ins Innen geholfen, zumindest das Leiden am Leiden zu vermindern.
Wenn ich Heilung rein auf die Beseitigung einer Symptomatik oder einer Diagnose beschränke, kann mein Leben in der Krise sehr leidvoll und eng werden. Da habe ich eben gerade nicht meine Ganzheit – mein ganzes Sein von Körper, Geist und Seele – im Blick.
Ich bin krank vs. Ich habe Symptome – Wahrnehmungsübung
Ich möchte dich zu einer kleinen Übung einladen. Mach mal für einen kurzen Moment die Augen zu und spüre bei den folgenden zwei Sätzen jeweils kurz in dich hinein:
- Ich bin krank.
- Ich habe Symptome.
Was kannst du jeweils wahrnehmen? Gibt es einen Unterschied?
Wenn du sagst, ‘ich bin krank’. Wird es da vielleicht eng in dir? Fühlst du dich ohnmächtig dabei?
Wenn du aber sagst, ‘Ich habe Symptome’. Bleibt es dann vielleicht offen, ist da Raum zum atmen?
Und hey, du bist viel mehr als ein Mensch mit Symptomen. Du bist ein Mensch, der gerade durch eine schwierige Zeit geht, mit Symptomen. Auch mit Symptomen bist du mehr als deine Krankheit und es bleiben Bereiche, in denen du Handlungsspielraum hast.
Edith Eger beschreibt in The Gift den Unterschied zwischen der Frage „Warum ich?“ und „Was jetzt?“. Für sie kann ein Weg aus dem Gefühl der Ohnmacht dort beginnen, wo wir unseren Blick wieder auf unsere Möglichkeiten und Entscheidungen richten.
Und genau hier berührt Heilung für mich auch die Frage, wer ich in oder nach einer Krise eigentlich bin. Dass Heilung für mich nicht unbedingt bedeutet, wieder die Alte zu werden, habe ich bereits ausführlicher in meinem Artikel ‚Kann Coaching bei Long Covid helfen?–Heilung bedeutet nicht immer, wieder die Alte zu werden‚– beschrieben. Eine Krise kann nicht nur den Körper, sondern auch unser bisheriges Selbstbild und unsere Vorstellungen vom Leben verändern.
Wer bin ich heute? Loslassen und das Sterben im Leben.
Eine Heilkrise rüttelt alles durcheinander. Plötzlich wissen wir nicht mehr, wer wir sind. Wozu sind wir hier? Was ist der Sinn von allem? Wer bin ich ohne mein bisheriges Sein, ohne meine bisherige Rolle, ohne meinen bisherigen Job, ohne meine Vorstellungen von wie mein Leben zu sein hat?
Wir werden aufgefordert loszulassen. Dieses Loslassen kann man auch als Sterben im Leben bezeichnen. Etwas Altes darf sterben – Vorstellungen, Rollen, Identitäten – damit Neues entstehen kann. Und weisst du was? Ich habe für mich erfahren, dass Heilung oft dort möglich wird, wo ich aufhöre, krampfhaft am Alten festzuhalten.
Dieses Loslassen kann Angst machen, wenn man noch nicht mit den Lebensgesetzen vertraut ist, die uns die nötige Sicherheit geben. Deshalb kann Begleitung in solchen Veränderungsprozessen hilfreich sein.
Symptome als Wegweiser
Mich hat die Krankheit in einen riesigen Entwicklungsschritt gebracht. Ich habe das Gefühl, dass ich nun mich und das Leben viel mehr verstehe. Natürlich verstehe ich längst nicht alles, das ist wohl auch nicht möglich und sollte vermutlich nicht das Ziel sein. Doch ich denke, es geht um das lebenslange Erforschen.
Und weisst du welche Erkenntnis für mich eine besonders grosse Bedeutung hat? Auch ich habe noch Symptome. Zum Glück längst nicht mehr diese schlimmen 24/7-Kopfschmerzen, die ich mit Long Covid über Jahre hatte. Manchmal habe ich noch Kopfschmerzen und auch leichte Erschöpfungssymptome, ja. Doch inzwischen sind sie Wegweiser für mich geworden. Der Körper spricht mit mir und hilft mir meine wahre Natur zu leben:
- Wenn ich von meinem Weg abkomme, merke ich das häufig auch an meinen Symptomen.
- Wenn ich mich unterdrücke oder etwas vermeide, reagiert mein Körper oft darauf.
- Wenn ich nicht für mich gehe, zeigen sich bei mir häufig wieder mehr Symptome.
Fazit
Ist Symptomfreiheit gleich Heilung? Nein. Heilung ist viel mehr als Symptomfreiheit. Und manchmal kann der ausschliessliche Fokus auf Symptomfreiheit den Blick auf andere Aspekte von Heilung verengen. Ich verstehe Heilung als den Prozess des ‚Ganzwerdens‘. Doch wie weiter oben beschrieben, kann ich dir das Gefühl dieses Ganzwerdens nicht erklären. Es ist ein Weg, der jede:r für sich gehen darf. Es ist ein Prozess und eine Erfahrung, die jede:r für sich machen darf.
Zugegeben, zwischendurch ist das Ganze ganz schön anstrengend. Heilung verläuft nicht unbedingt geradlinig. Es ist normal, dass es mal besser geht, und dann wieder schlechter, oder das sich eine Zeit lang scheinbar nichts verändert. Das heisst nicht, dass wir etwas falsch machen. Wenn wir uns dessen bewusst sind, ist nicht automatisch alles gut, doch es kann etwas leichter werden.
Aber für mich ist Symptomfreiheit heute nicht mehr das einzige Ziel. Mein Ziel ist es Körper, Geist und Seele möglichst im Gleichgewicht zu halten, denn dann geht es mir ganzheitlich gesehen am besten und ich habe die wenigsten Symptome. Da wird es weit und ich erkenne, dass die Auseinandersetzung mit meinem ‚Ganzwerden‘ mir das gesamte Leben erleichtert.
Ich habe auf meiner bisherigen Heilungsreise so viel über mich und das Leben gelernt, was mich gelassener und freier macht. Und es erfüllt mich zutiefst, dieses Wissen mit anderen Menschen zu teilen.
Einladung
Über welche Themen soll ich als nächstes schreiben? Lasse gerne Kommentare da. Oder schreib mir unter contact@rahelwyss.ch. Mehr über mich gibt’s auch direkt hier zu lesen.
Hier findest du mehr über meine Angebote, sowie meine Einladung an dich in meine Facebook-Gruppe ‚Zurück in deine Kraft‘ zu kommen: Für mehr Inhalte rund um Selbstheilung und Potenzialentfaltung.
Wir sind alle auf dem Weg, und niemand muss den Weg alleine gehen.
Danke fürs Lesen und Reinspüren & alles Liebe für dich 🤎 Rahel
Rahel Wyss – Holistic Life Coaching – www.rahelwyss.ch




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